Antirassistische Erziehung

Zur Bearbeitung der Thematik im Schulunterricht ist es wichtig, die dahinterstehenden pädagogischen Modelle zu kennen. So gilt es, antirassistische und inter- bzw. multikulturelle. Ansätze zu unterscheiden. Zunächst folgt daher ein Überblick über die Entwicklung der antirassistischen Pädagogik, welche die Schweiz sehr beeinflusst hat, in Abgrenzung zu anderen Ansätzen. Danach werden weiterführende Modelle vorgestellt.

Die Anfänge der antirassistischen Bewegung
Antirassistische Erziehungsmodelle wurden zuerst in Grossbritannien diskutiert und in die Praxis umgesetzt. Zentral war die Idee, gegen den subtilen Rassismus in den Institutionen vorzugehen, den eingewanderte Bürgerinnen und Bürger aus den Gebieten des Commonwealth in England täglich erlebten. Im Gegensatz zu den meisten übrigen europäischen Ländern waren von den rassistischen Diskriminierungen vor allem nationale Minderheiten betroffen, die selbst die vollen Bürgerrechte besassen. Vor diesem Hintergrund entwickelten die Betroffenen Anfang der 80er-Jahre eine spezifische Vorgehensstrategie. Sie suchten selbst nach Interventionsmöglichkeiten und lösten so eine ganze Reihe von staatlichen Massnahmen aus (Auernheim 2003:153).

Anders in Deutschland: Dort verübten in den 80er-Jahren mehrere Jugendliche, die sich rechtsextremen Gruppierungen anschlossen, brutale Gewaltakte gegen Migrantinnen und Migranten wie beispielsweise bei den Anschlägen gegen Asylbewerberzentren in Solingen, Hoyerswerda und Rostock. Deshalb richtete sich hier die Aufmerksamkeit und die Suche nach Lösungsstrategien besonders auf Rechtsextremismus. Die Initiative wurden primär von pädagogischen Kreisen und Mitgliedern der Mehrheitsgesellschaft getragen. Anders als in Grossbritannien ist die Ausrichtung deshalb stärker auf den Bereich Jugendarbeit ausgerichtet und der Schwerpunkt liegt auf Alltagsrassismus. Die Frage des strukturellen Rassismus in den Institutionen ist weniger zentral. Denn Rassismus wurde lange als ein Phänomen betrachtet, das am Rande der Gesellschaft und nicht in deren Zentrum stattfindet.

Auch in der Schweiz begannen sich 1989 Teile der Zivilgesellschaft zusammenzuschliessen, nachdem der kurdische Asylbewerber Moustafa Yildirim in Fribourg durch Rechtsextreme ermordet worden war. Die deutsche Schweiz orientierte sich dabei besonders am deutschen Ansatz zur Bekämpfung von Rassismus und Rechtsextremismus. In der Romandie fassten vor allem republikanische Ansätze Fuss (Gerber 2003:481ff.). In der Zwischenzeit hat sich in der gesamten Schweiz die Problematik aber insofern verlagert, als erkannt wurde, dass Menschen anderer Nationalität oder anderer ethnischer Herkunft heute nicht nur von rechtsextremen Kreisen diskriminiert werden. Die Arbeitslosigkeit von Jugendlichen mit Migrationshintergrund ist beispielsweise trotz gleich guter Schul- oder Lehrabschlüsse deutlich höher(Fibbi/Kaya/ Piguet 2003). Auf der anderen Seite erlangen dank den Einbürgerungen auch in der Schweiz diverse diskriminierte Gruppen zunehmend politisches Gewicht und setzen sich aktiv für ihre Rechte ein.

Das antirassistische Erziehungsmodell
Die ursprünglich englische Initiative des „antiracist teaching“ (ART) verstand sich als „schwarze Antwort“ auf die multikulturellen Erziehungsprogramme der Regierung. Die Akteure wollten anders mit Rassenkonflikten und -diskriminierungen umgehen, als dies der Staat mit seinen Multicultural Education-Programmen (MC) tat.
Inhaltlich stellten sich Verfechter eines antirassistischen Erziehungsmodells wie Michel Cole und Barry Troyna gegen eine Kulturalisierung von Minderheitenfragen. Sie bezweifelten, dass das gegenseitige Kennenlernen der Kulturen, wie es der multikulturelle Ansatz der Regierung vorsah, Diskriminierungen in der Schule und am Arbeitsplatz verhindere. Zweitens, so die kritischen Stimmen weiter, sei der multikulturelle Ansatz paternalistisch. Seine Vertreterinnen und Vertreter gehörten den herrschenden sozialen Kräften an und belehrten am Ende die Minderheiten über deren Kultur, ohne dass diese selbst zu Wort kämen. Ihr Hauptvorwurf bestand aber vor allem darin, dass der multikulturelle Ansatz das Rassismusproblem individualisiere und damit entpolitisiere. Blosse Diskussionen im Klassenraum zum Thema Rassismus brächten nicht viel mehr als eine Zurschaustellung von Vorurteilen. Es sei stattdessen viel sinnvoller, im Unterricht aufzuzeigen, dass die Geschichte eine Geschichte von Klassenkämpfen, Geschlechter- und Rassenkonflikten sei. Das Augenmerk solle dabei auf das Interesse der Mehrheit gerichtet werden, diese Form der Unterdrückung zu bekämpfen (Cole/Troyna 1986:136).

Bereits Ende der 80er-Jahre wurde diese Sichtweise als einseitig kritisiert. Philip Cohen meinte dazu pointiert, dass Rassismus weder allein Klassenherrschaft beziehungsweise weisse Herrschaft bedeute, noch in der Gleichung „Rassismus = Macht plus Vorurteil“ seinen Abschluss finde. Seinem diskursanalytischen Ansatz entspringen eine ganze Reihe von Unterrichtsideen, die sich in den 90er-Jahren durchzusetzen vermochten (Cohen 1994). Rassismus wird gemäss dieser Auffassung als diskursive Praxis verstanden, das heisst, er entsteht durch die Wechselwirkung von Vorurteilen auf Seiten der Mehrheit mit Vorurteilen auf Seiten der Minderheit (Auernheim 2003).

Das lenkt die pädagogische Aufmerksamkeit auf die sprachliche Bildung im Sinne einer kritischer Reflexion über Sprache selbst. So führt David Gillborn aus, dass „die Aspekte Rasse, soziale Klasse, Geschlecht, sexuelle Orientierung und allenfalls Behinderung auf vielfältige, komplexe und manchmal widersprüchliche Weise miteinander in Beziehung treten“. Mit dieser Einsicht nähert sich die antirassistische Pädagogik dem Diversitäts-Ansatz in differenzierterer Form. Diversität will unterschiedliche Subjektpositionen wie Geschlecht, soziale Schicht, ethnische Zugehörigkeit, aber auch Nationalität, Alter, Behinderungen, Religion, sexuelle Orientierung, etc. zusammenführen. Der Ansatz birgt die Schwierigkeit, dass die Anzahl der Differenzen und die damit verbundenen unterschiedlichen Forderungen nach Anerkennung nicht begrenzt oder hierarchisiert werden können. Die Kombination der antirassistischen Pädagogik mit dem Diversitäts-Ansatz hat sich jedoch produktiv ausgewirkt und diverse Pädagoginnen und Pädagogen mit neuen Ideen für Unterrichtspraxis befruchtet (siehe auch Auernheim 2003).

 

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