Antirassistische Schulstunde

Nicht nur die theoretischen Ansätze zum Umgang mit Rassismus haben sich verändert. Auch aus der Praxis heraus haben sich Möglichkeiten zur Überbrückung der Gegensätze zwischen multikulturellen und antirassistischen Ansätzen entwickelt.
Neuere didaktische Überlegungen und Unterrichtsideen im Bereich Antirassismus haben sich stark an eine kritische interkulturelle Bildung angenähert. Wenn der Ansatz der interkulturellen Bildung strukturelle Ungleichheiten nicht ausblendet und politische Dimensionen ausreichend beachtet, ist er mit antirassistischen Erziehungsmethoden durchaus vereinbar. Nach Georg Auernheimer (2003) ist dabei entscheidend, dass die interkulturelle Pädagogik den gesellschaftlichen Kontext, in dem sie verankert ist, im Blick behält.
Wir möchten hier jedoch den umgekehrten Weg vorschlagen und für eine diversifizierte antirassistische Pädagogik eintreten: Eine antirassistische Pädagogik, bei der nebst der gesellschaftskritischen Analyse auch der emotionale Zugang zu Rassismus und Vorurteilen jedes Einzelnen nicht ausser Acht gelassen wird. Auf der einen Seite gilt es die gesellschaftlichen Machtverhältnissen und die Zugehörigkeit jedes Individuums zu verschiedenen Gruppen im Auge zu behalten (Auernheim 2003). Dazu gehören kritische Gesellschaftsanalysen, Bearbeitung von Fragen betreffend sozialer Gerechtigkeit, also politischer und sozialer Gleichstellung. Auf der anderen Seite braucht es individuelle Selbsterfahrungsangebote zwecks Erforschung des eigenen versteckten Rassismus. Hierbei geht es um die Sensibilisierung für unterschiedliche Wahrnehmungen, die Förderung von Empathie, das Ermuntern zu Perspektivenwechseln und die Anerkennung von Differenz (Bausteine 2001). Aber Vorsicht! Ein guter Mix ist wichtig. Emotionale Ansätze allein lösen meist primär Schuldgefühle aus, ohne handlungswirksam zu sein. Reine Aufklärungsstrategien wiederum lassen den eigenen Rassismus unberührt und werden oft als lehrmeisterlich empfunden (Hufer 2001). Zusammengefasst empfiehlt sich ein möglichst vielfältiges Angebot, das immer wieder in verschiedenen Fächern und auf verschiedenen Ebenen das Thema aufgreift und mit vielfältigen Methoden bearbeitet. Die Thematik muss wie die klassischen Querschnittsthemen Gender oder Alter angegangen werden.

Insgesamt ist heute ein breites Spektrum von praktikablen Ansätzen vorhanden, das von der Aufklärungsstrategie bis zur Selbsterfahrung reicht. Der positive Umgang mit „Fremdem“ wird meist über Kognition angegangen. Aufklärung soll zeigen, dass die Welt komplizierter ist, als man gemeinhin denkt. Auf der Seite der informativen Angebote stehen interessante Materialien wie

  • Klaus-Peter Hufer („Argumentationstraining gegen Stammtischparolen“ 2001),
  • Markus Tiedemann („In Auschwitz wurde niemand vergast“. 60 rechtsradikale Lügen und wie man sie widerlegt“ 1996),
  • Wolfgang Benz (Hg.) („Legenden, Lügen, Vorurteile: Ein Wörterbuch zur Zeitgeschichte“ 1992),
  • Regina und Gerd Riepe („Fremd ist der Fremde nur in der Fremde: Argumente gegen Rassismus“ 2001) sowie
  • Jonas Lanig und Marion Schweizer („Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg! Rechtsradikale Propaganda und wie man sie widerlegt“ 2005).

Für den kognitiven Zugang wichtig ist der Beizug von Materialien wie Videos, Zeitungsartikeln, Cartoons oder Statistiken, die in der Gruppe analysiert werden. In den Unterrichtshilfen sind hierzu konkrete Beispiele aufgeführt. Eine weiterführende Auswahl findet sich im Serviceteil Literatur.

Das Ansprechen der emotionalen Ebene kann besonders bei jüngeren Jugendlichen als Einstieg in die Thematik genutzt werden. Beispiele können das Bearbeiten der eigenen familiären Migrationsgeschichte (Land-Stadt/ Stadt-Stadt/ Ausland-Schweiz), der Besuch einer Moschee oder eines Tempels, ein Gespräch mit Fussballern anderer Nationalität oder ethnischer Zugehörigkeit, das Erarbeiten einer eigenen Ausstellung oder die Organisation einer Sensibilisierungsaktion im Schulhaus sein. Wichtig ist dabei immer, dass das Thema in der Klasse gut vorbereitet wird und dass die Lehrkräfte beratend und organisierend mitwirken.
Als ergänzende Massnahmen empfehlen sich zudem Arbeitsgemeinschaften in Schulen, ausserschulische Jugendgruppen oder zivilgesellschaftliche Initiativen.

Ein zentraler Erfolgsfaktor bei der Bekämpfung von Rassismus ist, dass bei der Auseinandersetzung mit dem „Fremden“ immer auch ein Rückgriff auf das „Eigene“ stattfindet. Erfolgreiches interkulturelles Lernen findet nur dann statt, wenn die Bereitschaft besteht, das „Eigene“ kritisch zu hinterfragen und gegebenenfalls überkommene kulturelle Orientierungen zu ändern. Man muss also lernen, ständig bereit zu sein, sich selbst zu hinterfragen. Dies stellt nicht nur für Erwachsene eine Herausforderung dar.
Einen weiteren wichtigen Faktor stellt bei Jugendlichen das Klima an der Schule dar. Ein gleichzeitig mit der antirassistischen Erziehung erfolgendes Bemühen um die Verbesserung der Stimmung in einer Klasse erhöht die Chancen auf Erfolg. Die Bereitschaft aller Beteiligten zur Selbstreflexion und zur Erhöhung der Sachkompetenz ist sehr wichtig für die erfolgreiche Gestaltung diversifizierter, antirassistischer Schulstunden. Denn wie das Beispiel in der Einleitung zeigt, ist es nicht immer möglich, Rassismus und Antirassismus in der Klasse von Anfang an offen zu thematisieren. Damit dies gelingen kann, braucht es eine hohe Bereitschaft aller direkt Beteiligten, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Daher empfiehlt es sich, zunächst abzuschätzen, wie gross die Akzeptanz für die Thematik im Lehrerinnen- und Lehrerkollegium ist; und ob die SchülerInnen bereit sind, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Weiter gilt es zu überlegen, welche Beziehung die Jugendlichen zu ihren Eltern haben und wie diese auf das Thema reagieren könnten. Schliesslich sollte berücksichtigt werden, wie der Umgang der Schülerinnen und Schüler untereinander und wie das Verhältnis der Lehrkraft zur Klasse sich gestaltet.
Zur Verbesserung des Klimas in der Klasse ist es wichtig, in der Klasse über Werte und Normen zu sprechen und gemeinsame Werte festzulegen, welche von allen akzeptiert und eingehalten werden. Es müssen klare, verbindliche Regeln in der Klasse gelten. Zu deren Erarbeitung gibt es viele Beispiele: Gemeinsame Verhaltensregeln werden ausgehandelt, bestehende Verhaltensregeln werden als Basis genommen und ergänzt oder die allgemeinen Verhaltensregeln der Schule werden – falls vorhanden - übernommen. Dieser Prozess der Auseinandersetzung mit Normen ist wichtig, weil dabei über Grenzen, Gefühle und Werte der Schülerinnen und Schüler sowie der Lehrkräfte diskutiert wird. Anregungen zur Verbesserung des Schulklimas finden sich auch im Internet unter http://www.bildungundgesundheit.ch/dyn/1480.asp oder www.anschub.de.

 

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